Als mein Sohn 18 Monate alt war, wurde er wegen einer Lungenentzündung in die Kinder-Klinik eingewiesen. Die Ärztin sagte nach Abschluss aller Untersuchungen, dass es dem Kleinen sehr schlecht gehe, dass man halbstündlich Antibiotika spritzen müsse und jetzt nicht mehr viel tun könne. Ich solle mir aber nicht zu viele Hoffnungen machen, denn sie glaube nicht, dass er wieder aufkomme. Ich setzte mich an das Bett meines Sohnes. Die Ärztin meinte, dass ich ruhig eine Weile bei ihm bleiben könne, aber dass ich ihn nicht aus dem Bett nehmen dürfe, weil er zu schwach sei. Dann schloss sie die Tür hinter sich. So saß ich vor dem Gitterbettchen und schaute meinen Sohn an, der mit lila Schatten unter den Augen kurzatmig und still dalag und schlief.

Eine innere Stimme sagte, dass ich ihn doch hier nicht so einfach liegen lassen könne und tatenlos beim Sterben zuschauen. Und wenn er schon sterben musste, dann wenigstens in meinen Armen.

Dieser Gedanke oder vielmehr dieses Gefühl war so stark, dass ich mich im Recht fühlte, die Autorität der Ärztin zu missachten. Ich ließ das Gitter runter, nahm meinen schlafenden Sohn aus dem Bettchen, auf meine Arme. Über eine Stunde ging ich mit ihm im Zimmer auf und ab und begann leise (damit mich niemand hörte) Lieder zu singen, die ich ihm zu Hause auch immer vorsang. Als ich heiser wurde, verlegte ich mich aufs Sprechen und sagte meinem Sohn, wenn er wirklich sterben und die Welt verlassen wollte, dann dürfe er es tun. Aber dass seine Mama dann sehr traurig wäre und ihm am liebsten folgen würde. Dass sich Papa und Mama aber sehr freuen würden, wenn er doch bei ihnen bleibe, da er doch noch nicht viel kennengelernt habe in der kurzen Zeit und dass er noch einiges erleben könne. Irgendwann fiel mir nichts mehr ein, was ich hätte sagen können – aber ich spürte, dass ich weiterreden müsse und erzählte ihm bunt durcheinander von der Familie, seinen Freunden aus der Kita und Möglichkeiten für die Zukunft.

Irgendwann setzte ich mich mit meinem Sohn auf dem Arm an den Tisch, um auszuruhen. Ich streichelte ihm über die Wangen und die Stirn und hatte plötzlich den Eindruck, dass er nicht mehr so stark glühte wie vor einiger Zeit. Eine Schwester kam herein, die Fieber messen sollte und es stellte sich heraus, dass das Fieber gesunken war. Mein Sohn wurde innerhalb 14 Tagen wieder gesund und die Ärztin sagte bei seiner Entlassung aus der Klinik, dass sie nicht gedacht hätte, dass er noch mal „hochkomme“ und dass er einen unglaublich starken Lebenswillen habe …

Ich habe ihr nicht verraten, dass ich ihr Verbot missachtete und meinem liebevollen Gefühl gefolgt war, das ich einem “Teil von mir” zukommen ließ.

Zwei Wochen später war ich wegen einer Bronchitis wieder bei meiner Hausärztin. Schon seit längerer Zeit hatte sie mir eine Müttergenesungskur (ohne Kind) empfohlen. Beim Abhören zeigten sich nun u.a. erste Anzeichen eines Bronchialasthmas und wegen meiner anhaltenden Erschöpfung sprach die Ärztin wiederholt von einer Kur und insistierte, dass ich die Kur brauche. Ich weigerte mich und argumentierte damit, dass ich mein Kind doch nicht so lange allein lassen könne, weil es doch seine Mutter brauche. Meine Hausärztin entgegnete ziemlich energisch, wenn ich nicht zur Kur fahren würde, hätte mein Kind bald keine Mutter mehr. Mir verschlug es die Sprache. Stand es wirklich so ernst um mich? Auf keinen Fall wollte ich, dass mein Sohn, nachdem ich ihn gerade ins Leben zurückgeholt hatte, demnächst ohne Mutter sein müsse. Lieber vier Wochen ohne mich als den Rest seines Lebens.

Zwei Monate später fuhr ich zu einer Müttergenesungskur – zwar mit schlechtem Gewissen, aber in dem Bewusstsein, dass ich es aus Liebe zu meinem Sohn tat … oder aus Liebe zu mir? Gab es denn da überhaupt eine Grenze?

Astrid Melzer

3 thoughts on “Dem eigenen Herzen zu folgen, ist manchmal ungehorsam, aber liebevoll

  1. Deine Geschichte hat mich sehr berührt liebe Astrid. Das hatte sie schon im “alten” Forum. In unserer Tiefe haben wir ein Wissen wo unser Kopf bzw. unser Großhirn niemals ran kommen kann. Aber unsere Intuition, unsere innere Stimme, wird daraus gespeist. Du hast Deiner Intuition vertraut, Du wusstest einfach was richtig ist. Heute ist Dein Sohn erwachsen und geht seinen Weg, dank Dir. Auch ich bin schon vor längerer Zeit dazu übergegangen meiner Intuition zu vertrauen. Ich habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht.

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liebevoll.jetzt