Menschen sind keine Objekte

Es ist kein Naturgesetz und liegt auch nicht in den genetischen Anlagen, dass so viele Menschen im Lauf ihres Lebens ihren Mut verlieren. Und es ist ja auch nicht nur der Mut, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, um einen inkohärenten Zustand in ihrem Gehirn wieder etwas kohärenter zu machen, der vielen fehlt. Manchen fehlt auch der Mut, in Gegenwart anderer zu singen, zu tanzen oder auszusprechen, was sie bewegt. Das hatten sie aber alle einmal gekonnt, zumindest damals, als sie noch kleine Kinder waren, ohne diese ständige Angst vor den Bewertungen Anderer.

Mit diesem Mut sind wir also alle bereits auf die Welt gekommen. Mutig und fest davon überzeugt, dass es genauso, wie es ist, völlig richtig ist, macht sich jedes Kind auf den Weg. Solange, bis diese Überzeugung nachhaltig erschüttert wird und ihm der Mut vergeht. Verantwortlich dafür ist niemals das betreffende Kind, sondern diejenigen, die es auf diesem Weg begleiten. Oft sind es die eigenen Eltern, manchmal Geschwister oder andere Kinder, manchmal auch ErzieherInnen im Kindergarten oder LehrerInnen in der Schule. Später auch noch Ausbilder, Hochschuldozenten, Vorgesetzte, Nachbarn und Freunde, bisweilen sogar die jeweiligen Lebenspartner. Und es ist immer die gleiche schmerzhafte Erfahrung, die anfangs noch sehr mutige Menschen in der Beziehung zu solchen Personen machen: Sie müssen erleben, wie sie von diesen Anderen zum Objekt von deren Erwartungen und Absichten, deren Belehrungen und Bewertungen oder gar von deren Maßnahmen und Anordnungen gemacht werden.

Diese „Behandlung“ verletzt ihre beiden Grundbedürfnisse gleichzeitig und erzeugt eine massive Inkohärenz im Gehirn. Wer das Gefühl hat, von anderen, ihm wichtigen oder bedeutsam erscheinenden Personen erst dann gemocht, wertgeschätzt und angenommen zu werden, wenn er deren Erwartungen erfüllt, muss berechtigterweise daran zweifeln, von diesen Personen so angenommen und mit ihnen so verbunden zu sein, wie sie oder er ist. So wird das Bedürfnis nach verlässlicher Verbundenheit tief verletzt. Und wer dabei ist, etwas selbst zu entdecken oder selbst zu gestalten und von anderen darauf hingewiesen wird, wie er was zu machen, was er zu tun und zu lassen hat, fühlt sich zutiefst in seinem Bedürfnis nach Selbstgestaltung, Autonomie und Freiheit verletzt.

Die einfachste und von ganz allein gefundene Lösung, um die so im Hirn entstandene und sich im ganzen Körper ausbreitende Inkohärenz wieder in einen etwas kohärenteren Zustand zu verwandeln besteht darin, das betreffende Grundbedürfnis zu unterdrücken. Dann tut es nicht mehr weh, wie ein Objekt behandelt zu werden. Es ist eine kohärenzstiftende, energiesparende Lösung, und je öfter sie fortan eingesetzt und als erleichternd erlebt wird, desto besser werden die zu dieser Unterdrückung des betreffenden Grundbedürfnisses aktivierten Nervenzellverschaltungen mit ihrer hemmenden Wirkung verstärkt und ausgebaut. Dann will das Kind oder später der Erwachsene nicht mehr dazugehören und mit anderen verbunden sein. Und dann will sie oder er auch nichts mehr selber etwas entdecken und gestalten. Dann macht die betreffende Person das, was diese anderen von ihr erwarten. Sie findet das nun völlig normal, ist vielleicht sogar froh, dass sie nun keine Probleme mit diesen anderen mehr hat und stellt sogar fest, dass sie auf diese Weise recht gut und erfolgreich vorankommt. Diese Anpassungsleitung wird zu einem Teil ihres Selbstbildes, der oder die Betreffende ist nun so geworden wie diese anderen und ist froh darüber, dazuzugehören. Dabei begleitet sie oder ihn jedoch auch weiterhin ständig die Angst vor deren Bewertungen. Die betreffende Person gibt sich Mühe und strengt sich an, deren Erwartungen zu erfüllen.

Unbekümmert tanzen, singen und lachen können solche Menschen dann freilich nicht mehr. Es fällt ihnen auch schwer, anderen gegenüber auszusprechen, was sie im Inneren bewegt. Sie halten sich gern an das, lesen das und schauen sich das an, was diejenigen tun, die ähnlich „drauf“ sind, wie sie und mit denen sie sich deshalb verbunden fühlen. Sie halten nun das, was sie denken, was sie für richtig oder falsch halten, was sie als erstrebenswert und hilfreich oder als hinderlich und nutzlos erachten, für ihre eigene Meinung. Selber zu denken kann zu unerwarteten Einsichten führen und die von Anderen erhoffte Anerkennung und Zuwendung gefährden. Davor haben solche Menschen Angst und deshalb fehlt ihnen der Mut, „sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen“. Lieber wollen sie „alles richtig machen“, und mit dieser Absicht begleiten oder erziehen sie dann auch selbst wieder ihre eigenen Kinder – und machen sie so zum Objekt ihrer Absichten und Erwartungen, ihrer Belehrungen und Bewertungen oder gar ihrer Maßnahmen und Anordnungen …

So dreht sich das Karussell, in dem Menschen lernen, einander wie Objekte zu betrachten und zu behandeln, Runde um Runde, von einer Generation zur nächsten. Jemand, der das von außen betrachtet, würde uns für verrückt halten und sich fragen, was uns so blind für das Offensichtliche gemacht hat: Kühlschränke, Autos oder Computer sind Objekte. Die können wir behandeln, wie wir wollen. Aber Menschen sind keine Maschinen. Sie haben Bedürfnisse. Und die müssen sie stillen, um lebendig zu bleiben.

Maschinen haben keinen Hunger oder keinen Durst, auch kein Bedürfnis, gewartet und gepflegt zu werden oder irgendetwas zu leisten. Wir können sie benutzen, um bestimmte Tätigkeiten auszuführen oder Leistungen für uns zu erbringen. Solange wir die dafür erforderliche Energie zuführen, machen sie das, wofür wir sie gebaut und programmiert haben. Sobald wir diese Energiezufuhr abstellen, stehen alle Räder wieder still. Selbst der „intelligenteste“ und „lernfähigste“ Computer verspürt dann keinen inneren Impuls, die unterbrochene Stromzufuhr wiederherzustellen. Und wenn er so programmiert wäre, dass er dann eine Steckdose sucht und seinen Stecker wieder hineinsteckt, brauchen wir nur die Stromversorgung für das ganze Gebäude abzustellen. Dann ist wieder Schluss. Um sich immer wieder die für seine Aktivitäten erforderliche Energie verschaffen zu können, müsste so ein digital gesteuerter Roboter herausfinden, also durch Versuch und Irrtum lernen, wie das geht. Weil aber selbst der beste Computer kein Bedürfnis hat, seine Energieversorgung selbst sicherzustellen, kann er auch nicht lernen, wie das geht.

Bei uns Menschen ist das ganz anders. Wenn uns die Energie ausgeht, erwacht das Bedürfnis nach Nahrungsmittelaufnahme. Wir bekommen Hunger und stillen dieses Bedürfnis, indem wir etwas essen, das Energie in Form von Kohlenhydraten, Fett und Eiweiß enthält, also Tiere und Pflanzen oder Teile davon. Manche Tiere stellen dieses Fett und Eiweiß her, indem sie andere Tiere fressen, aber am Anfang dieser Nahrungskette steht immer ein Pflanzenfresser. Es sind also letztendlich die Pflanzen, die alle Tiere und uns Menschen mit der für unser Überleben erforderliche Energie versorgen. Die Vorfahren der Pflanzen, die Grünalgen oder genauer: deren Vorfahren, die Cyanobakterien – haben die Photosynthese vor 2.3 Milliarden Jahren erfunden. Aus Sonnenlicht und Kohlendioxid wird dabei Glukose erzeugt. Dieser einfache Zucker ist der wichtigste chemische Energieträger und bildet den Grundstoff für die Herstellung aller energiereichen Kohlenhydrate. Ohne ausreichende Glukoseversorgung können Pflanzen und Tiere auch keine Eiweiße und Fette herstellen. Gleichzeitig entsteht bei der Photosynthese auch Sauerstoff. Die Cyanobakterien, Grünalgen und Pflanzen haben durch ihre Freisetzung von Sauerstoff unsere Atmosphäre ja genau genommen erst geschaffen.

Ohne sie hätte die Vielfalt pflanzlicher und tierischer Lebewesen auf unserem Planeten niemals entstehen können. Auch uns Menschen gäbe es dann nicht. Wir hätten weder Sauerstoff zum Atmen noch Nahrung zum Essen.

Weshalb fallen wir nicht in tiefster Ehrfurcht vor diesen Lebensspendern auf die Knie? Warum erschaudern wir nicht angesichts der Erkenntnis, wie untrennbar alles Lebendige auf dieser Erde miteinander verbunden ist? Wie konnten wir verlernen, die Einzigartigkeit jedes Schlehengebüsches, jedes Apfelbaumes, jedes Schmetterlings, jeder Haselnuss und jedes Menschen zu bewundern und zu bestaunen? Weshalb fließen uns nicht die Tränen der Rührung über die Wangen, wenn wir einem Gänseblümchen begegnen, das sich mit all seiner Kraft durch den Asphalt des Seitenstreifens einer Straße hindurchgekämpft hat?

Warum lassen wir zu, dass unsere Kinder die Photosynthese und den Elektronentransport in den Chloroplasten auswendig lernen, ohne diese natürlichen Zusammenhänge zu verstehen und sich von diesem überall in der Natur beobachtbaren Entfaltungsprozess des Lebendigen berühren zu lassen?

Immanuel Kant würde sagen: „Weil uns der Mut fehlt, uns unseres Verstandes zu bedienen.“ Und der Mut dazu fehlt uns, weil wir nicht mehr mit dem Lebendigen, oft noch nicht einmal mehr mit den lebendigen Anteilen in uns selbst verbunden sind. Deshalb behandeln wir uns selbst, andere Menschen und andere Lebewesen so, als wären sie Objekte.

Aus: Gerald Hüther und Robert Burdy: Wir informieren uns zu Tode.
Herder-Verlag. September 2022

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Antworten

  1. Ich finde das oben implizierte Gleichnis sehr berührend: “Wenn uns die Energie ausgeht, erwacht das Bedürfnis nach Nahrung”.
    Heutzutage quält uns wohl meist ein latenter Mangel an geistiger Nahrung, z.B. in Form von subjekthafter Verbundenheit.
    Und trotz der systemischen Verwantschaft erfordert es solchen Mut sich zum Individuum zu bekennen, kurios.

  2. EINLADUNG zum gemeinsamen Austausch!
    Am Sonntag den 29.Mai um 10 Uhr – bis ca. 11./11.30Uhr
    lesen wir gemeinsam das Gedankengut von Gerald
    Hüther „ Menschen sind keine Objekte“ und tauschen uns darüber aus.

    Fühle Dich herzlich eingeladen, dich am Austausch zu beteiligen oder still zuzuhören.

    Wir, Birgit Mies und Sabine Böller freuen uns auf Dich!

    Mit diesem Link treffen wir uns: https://zoom.us/j/97983291727?pwd=ZytKQ0UrWklQczA0N2xGOTk4SmQzZz09
    Meeting-ID: 979 8329 1727, Kenncode: liebevoll

  3. Wenn wir das Gegenüber als Subjekt und nicht als Objekt sehen ist er nicht zu manipulieren. Das widerspricht dann wohl leider Vorstellungen einiger Vieler. Menschen die frei sind, sind nicht mehr manipulierbar und das wollen gewählte Vertreter der Bürger so nicht sehen, es könnte deren Pläne offenlegen.

  4. Es ist grotesk: Im Grunde dienen all diese Anpassungsleistungen dem Zweck, in einem sozialen System zu überleben – allerdings nicht als Subjekt, sondern als Objekt. Menschliche Grundbedürfnisse werden in diesem System quasi “abgetötet”, damit der Mensch in äußeren Strukturen ein Leben führen kann, das eigentlich lebensfeindlich ist. Außerhalb dieses Systems ist es kaum möglich zu überleben. Aber wie viele Menschen macht dieses System krank? Und warum ist es so schwierig, soziale Systeme zu schaffen, die der Entfaltung des menschlichen Potenzials dienen, ohne den Zwang, einen in Zahlen definierbaren Nutzen daraus zu generieren?

    1. Stimme dir zu, liebe Astrid, habe oft den Eindruck, von gewissen Stellen ist es auch gar nicht erwünscht, wenn Menschen ihr Potential entfalten – schon gar nicht in den Bildungsstätten – selber denken und entscheiden, vor allem, wenn sie aus der Reihe tanzen. Mir kommt es mitunter so vor, als sollen alle Menschen so gleich sein, wie ein frisch gemähter Rasen, in dem weder Gänseblümchen noch Löwenzahn wachsen, nur Gras, sonst nichts und alles in gleicher Höhe.
      In mir ruft das eine gewisse Bockigkeit hervor, je mehr man mich versucht in eine Richtung zu drängen, um so widerspenstiger werde ich. Ein Relikt noch aus der Zeit der 68er, eben unbequem, dafür ein echtes Subjekt und trotzdem liebevoll 💙 😂

  5. Vielen Dank lieber Gerald 🙏
    Eigentlich müsste man diesen Text ausdrucken und sich immer mal wieder durchlesen, um sich bewusst zu werden, dass wir ein kleines Teilchen sind eines unendlich großen Ganzen und wir dennoch ein einzigartiges Individuum sind. Im Alltagsgeschehen vergessen wir allzuleicht die Einzigartigkeit und das Wunder des Lebendigen zu erkennen – in der Ameise, im Vogel, in den Blüten und Früchten unserer Bäume – wertzuschätzen und dankbar dafür zu sein.