Ein Märchen von der Angst

Es war einmal ein Mädchen namens Sophia, das sich in einem riesengroßen Wald verlaufen hatte. Jeder, den Sophia traf und nach dem Weg fragte, sagte ihr etwas anderes, wo sie langgehen, was sie tun und was sie lassen sollte. Doch gleich, welche Richtung diese ihr vorgaben, sie geriet immer tiefer in den Wald, bis es keinen Ausweg mehr zu geben schien. Überall knisterte und raschelte es. Seltsame Geräusche kamen an ihr Ohr und wurden immer lauter. Der Wind hatte keine klare Richtung und blies von allen Seiten. Mal bogen sich die Äste der Bäume wild durcheinander, mal wirbelte das Laub am Boden und veranstaltete einen seltsamen, chaotischen Tanz.
Sophia hatte Angst, weiterzugehen, Angst davor, was sie im nächsten Moment erwarten würde. Alles, was sie wahrnahm, wurde zur Bedrohung. Wovor, wusste sie nicht, sie wollte sich schützen, sich irgendwo verstecken. Doch gleich, wo sie hinsah, sie fand keinen Ort, wo sie sich hinbegeben konnte, um sich sicher zu fühlen.
Nachdem sie stundenlang so weitergeirrt war, es wurde immer dunkler, denn die Nacht drohte hereinzubrechen, probierte Sophia aus, wie es hinter einem Busch wäre. Vielleicht konnte sie dort die Nacht verbringen. Allerdings war er voller Dornen und tat ihr weh. Ein anderer hatte so viele Äste, dass sie sich darin verfing und schwer wieder herauskam.
Nur noch schemenhaft erkannte Sophia in der Ferne eine große Eiche. „Vielleicht kann ich auf den Baum klettern“, dachte sie, „der wird mich sicherlich tragen.“ Mühevoll versuchte sie hochzukommen, rutschte aber immer wieder an dem dicken Stamm ab. Sie bemühte sich weiter, bis sie endlich oben an dem Punkt angekommen war, wo sich der Stamm teilte und die dicken Äste immer dünner wurden. Dort fühlte sie sich einen Moment lang wohl. Sie schaute von oben herab und konnte das Treiben am Boden aus der Entfernung betrachten.
„Wovor habe ich eigentlich Angst?“, hörte sie sich fragen. „Habe ich Angst, wie die Maus da unten gerade von einem Bussard gefangen und gefressen zu werden?“ Sophia erschauderte bei diesem Gedanken, und sie war froh, oben auf dem Ast zu sitzen. „Oder davor, vom Wildschwein gescheucht zu werden, wie das arme Reh da gerade?“ Vielleicht auch vor dem Vielen, was sie nicht sehen konnte. Sie fand keine Antwort, ihr war kalt, sie fühlte sich verloren und unendlich einsam. Alles in ihr zog sich zusammen wie ein Stein.
Gern hätte sie sich hingelegt, um etwas auszuruhen. Der Baum bot ihr jedoch keinen Platz, sich auszustrecken, um ihre Emotionen ein wenig erträglicher zu machen. Da Sophia obendrein noch Angst hatte, vom Baum zu fallen, wenn sie einschliefe, entschloss sie sich, wieder runterzuklettern. Unten angekommen, verspürte sie eine so starke Müdigkeit, ja Ohnmacht, dass sie zu Boden sank und angelehnt an die Eiche in einen sehr unruhigen Schlaf glitt. Immer wieder schreckte sie auf. Es war so dunkel geworden, dass sie nicht mal ihre Hand vor Augen sah. Weinend zog sie sich immer mehr zusammen, hilflos versuchte sie, sich an den Baum zu klammern. So verging Stunde um Stunde.
In der Dunkelheit sah sie im Traum wilde Tiere auf sich zukommen, fiel in ein schwarzes Loch, wo es keinen Ausweg gab, versuchte, sich an Wurzeln hochzuziehen. Doch diese waren nicht stark genug und zerrissen, bevor sie sich befreien konnte. Sie drohte, in einen reißenden Fluss zu fallen und zu ertrinken, kämpfte gegen die Wellen auf der Suche nach Halt. Irgendwann, als Sophia wieder einmal schweißgebadet wach geworden war, erkannte sie: „Was nützen meine Gedanken, was nützt meine Angst, machen sie doch alles umso schlimmer.“ Verzweifelt grübelte sie nach einer Lösung, bis sie den Kampf aufgab und sich dem hingab, was gerade war. Sie entschied sich, darauf zu vertrauen, dass es auch wieder Morgen würde und sie aus dem Wald herausfände.
Auf einmal machte sich eine ungewohnte Ruhe in ihr breit. Die Gedanken zogen sich zurück und so schlief sie erneut ein.
Sie wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte, als ein lautes Pfeifen sie sanft weckte. Der Morgennebel bewegte sich harmonisch um die Bäume herum. Auf den Sträuchern glitzerte der Tau und die ersten Sonnenstrahlen trafen auf den Waldboden, als wollten sie einen Weg markieren. Überall hatten die Vögel angefangen, den neuen Morgen mit ihrem Gesang zu begrüßen. Während sich Sophia den Schlaf aus den Augen wischte, entdeckte sie ein Reh, das sich in ihrer Nähe niedergelegt hatte und sie nun mit großen, leuchtenden Augen vertrauensvoll ansah. Ein paar Hasen tollten um den Baum herum, und zwei Eichhörnchen erkundeten, ob sie vielleicht etwas in ihrer Jacke versteckt haben könnte. Da lächelte Sophia glücklich über die Schönheit, die sie umgab. Es war alles so voller Lebendigkeit und Harmonie, und eine Geborgenheit umhüllte sie, welche sie so noch nie gespürt hatte. Eine Leichtigkeit durchflutete ihr Sein, fast so, als löse sie sich auf, um sich mit allem zu verbinden. Sophia sprang auf und tanzte übermütig, umarmte hier und da einen Baum. Selbst der Strauch mit den Dornen gab im Sonnenlicht überall wunderschöne Blüten preis, an denen sich Bienen labten, um alsbald den Nektar mit ihresgleichen zu teilen. Die vielen Zweige, in denen sie sich vor Stunden noch verfangen hatte, boten den Vögeln Schutz, darin ihre Nester zu bauen.
Die Angst war wie weggeblasen. Weggetragen durch den Wind, oder durch die Nacht. Sie wusste es nicht. Vielleicht war sie auch in den nahe gelegenen Fluss gesprungen und statt zu ertrinken, tanzte sie nun mit den Wellen um die Hindernisse herum, sich hingebend, wohin er sie tragen würde. Wer weiß, so vieles hatte sich verändert, oder hatte sie sich verändert? Jetzt wollte sich Sophia erst einmal bei der Eiche bedanken, die ihr Weinen und Klagen ertragen hatte. Die Stelle, wo sie die Nacht verbrachte, sah aus wie ein Bett, durch die dicken Wurzeln der Eiche geformt und mit Laub bestückt zu einem weichen Lager. All das hatte Sophia in ihrer Angst nicht einmal bemerkt. Voller Freude legte sie sich noch einmal rein, blinzelte durch die Zweige der Sonne entgegen. Und als sie wieder aufstehen wollte, entdeckte sie vor sich einen schmalen Weg, der in Richtung Horizont immer breiter zu werden schien. Sehr gerne wäre sie noch geblieben, doch sie war viel zu gespannt darauf, wo der Weg wohl hinführen würde und ging los.
Noch einmal drehte sie sich dankbar um. Der leichte Wind blies nun zu ihr, es schien, als wolle er sie liebevoll anschubsen. Auch die Äste der Bäume neigten sich in eine Richtung, als würden sie ihr den Weg weisen.
Zielstrebig setzt Sophia nun einen Schritt vor den anderen. Staunt über die vielen Dinge, die das Leben am Wegesrand für sie bereithält. Gehalten von einem inneren, tiefen Wissen, dass sie nicht in Worte fassen kann. Ein Ahnen, was sie voller Vorfreude bewegt. Immer wieder begleiten sie ein paar Füchse und andere schlaue Wesen, von denen sie viel lernt, bis sich ihre Wege wieder trennen. Offen für neue Begegnungen. Hier und da versperrt ein großer Stein ihren Weg, sie nimmt ihn wahr, ohne sich darüber zu ärgern und findet jedes Mal einen Weg, drum herum oder drüber zu gehen. Manchmal begegnet ihr dabei eine helfende Hand. Auch wilde Tiere machen ihr keine Angst mehr, selbst wenn sie scheinbar wütend auf sie zugerannt kommen. Sie schaut ihnen nur tief in die Augen oder streckt ihre Hand weit vor sich, worauf sie ihren Angriff stoppen und wieder ihrer Wege gehen.
Selten schaut sie zurück und wenn, dann nur, wo sie das Leben daran erinnert, genauer hinzuschauen, ob das, was sie in dem Moment glaubt, für sie noch wahr und nützlich ist … Kommen mal Stürme auf, die Chaos erzeugen, selbst wenn diese sie mitzureißen versuchen, bleibt sie stehen, geht zur Seite, um sich das Treiben erst einmal von außen zu betrachten. Denn sie weiß, sie kann jederzeit ihre innere Ruhe nutzen, anstatt sich von Ängsten überrollen zu lassen. In dem Vertrauen, dass es auch dann viele Möglichkeiten gibt und Wege ihr gezeigt werden. Selbst wenn sich die Sonne mal verdunkelt und es furchterregend regnet, gibt es irgendwo einen Regenbogen, der als Kreis Himmel und Erde verbindet und sie an die Vielfalt, den Frieden und das Wunder des Lebens erinnert. So überschreitet Sophia voller Freude und erfüllt weiter neue Horizonte. Vor jedem Hügel bleibt sie einen Moment stehen, gespannt darauf, was sie hinter ihm wohl erblicken und erleben würde, um sich bewusst auf das Unbekannte einzulassen und neue Erfahrungen zu machen. Taucht mal eine Kreuzung auf, lächelt sie meist, wenn sie, ohne zu überlegen, zielgerichtet weiterschreitet. Denn sie gibt sich dem Leben hin, immer wieder. Die Angst ist nicht länger ihr Begleiter. Sie kennt nun ihre Kraft und das stetige Vorhandensein der leisen Stimme in ihr, die es weiß …!
Gitte
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