Das leuchtende Herz

Es war einmal ein kleines Mädchen. Eines Tages begegnete es einem Jungen, der ein großes, hübsch verpacktes Geschenk für es hatte. Als das Mädchen voller Vertrauen die Hände danach ausstrecken wollte, meldete sich eine Stimme in ihr: „Bist du des Wahnsinns! Was lässt du dir da schon wieder andrehen? Mit diesem Zeug hat man nur Ärger! Siehst du denn nicht, was da drinsteckt – meine Güte, dich kann man aber auch keinen Augenblick aus den Augen lassen! Das hat mit uns nichts zu tun, wir brauchen das nicht.“ 

So sagte das Mädchen zu dem Jungen: „Ich will dein Geschenk nicht – es hat mit mir nichts zu tun.“ Daraufhin sagte der Junge: „Was in mir ist, ist auch in dir!“ Na ja, er verwendete etwas andere Worte und so konnte das Mädchen nicht verstehen, was er damit meinte. Außerdem war es inzwischen mehr damit beschäftigt, das Geschenk abzuwehren. Denn der Junge war sich seiner Sache sicher, er war überzeugt, etwas sehr Wertvolles zu verschenken. 

Dann meldete sich das Herz des Mädchens – es hatte die ganze Angelegenheit verfolgt und war sehr traurig geworden. Das Herz hätte das Geschenk von dem Jungen gerne angenommen. Es wusste, es hätte daran wachsen können. So sagte es zu dem Mädchen: „Ein Geschenk ist ein Geschenk! Frage nicht dein Ego, ob du es annehmen sollst, sondern frage mich! Dein Ego hat nur die beschränkte Sicht der Erfahrungen, die es gemacht hat. Es weiß nicht viel über die Liebe, also frage lieber mich. Denn ich freue mich über alle Geschenke – ob Freude, Schmerz, Trauer oder Leidvolles – einfach alles, was ist, denn ALLES gehört dazu. Freude lässt mich leuchten und Schmerz oder Traurigkeit lässt mich wachsen. Immer wenn du im Schmerz mit mir verbunden bist, dann kann ich wachsen. Und je mehr ich wachse, umso mehr kann ich Schmerz oder Leid in Liebe verwandeln. Also lass dein Ego schlafen und teile die Geschenke mit mir!“ 

Das Mädchen lauschte den Worten seines Herzens und war sehr berührt. Es spürte den Schmerz und die Traurigkeit im Herzen und ließ es geschehen – ließ es einfach geschehen … Eine Weile verging und bald spürte es, wie der Schmerz sich verwandelte, wie es leicht und leichter wurde in seinem Herzen. Es fühlte sich an, als würden die Tränen des Mädchens eins werden mit einem Fluss auf dem Weg zum großen weiten Meer.  

Und vielleicht, so dachte sich das Mädchen, ist es die Hingabe, die bedingungslose Hingabe an alles, was ist, in der wir tiefe Verbundenheit zu uns selbst und der Welt fühlen können. Und plötzlich bemerkte es, wie sein Herz zu leuchten begann… 

Birgit Mies

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Antworten

  1. Diese Geschichte berührt mich sehr: Anzunehmen, was geschenkt wird ; Verbundenheit und stilles Glück zu empfinden; das Leuchten des Herzens aus Liebe und im Schmerz zuzulassen … Keine leichte Aufgabe!