Als ich in deinem Alter war …

Was habe ich nicht alles an gut gemeinten Ratschlägen für das richtige Maß einer Mutter-Kind-Beziehung zu hören bekommen, wenn Bekannte und Verwandte sahen, wie eng ich mit meinem Sohn aneinander hing, als er im Kleinkindalter war. Er hing wie eine Klette an mir, und ich ging sehr auf ihn ein und versuchte, seine Ideen und Wünsche zu realisieren. Auch wurde er oft um seine Meinung gefragt, und ihm wurde zugehört, sofern es möglich war, ihn bei Entscheidungen zu beteiligen. Mit zehn Monaten hatte ich ihn in eine Volltags-Krippe gegeben, um mich meiner Arbeit wieder widmen zu können, und fand ihn da sehr gut aufgehoben. Es war eine integrative Einrichtung mit einigen wenigen Kindern, die im Rollstuhl saßen. Mit der einen Erzieherin, die nun in Rente gegangen ist, stehe ich immer noch in Kontakt, obwohl wir vor 22 Jahren dort wegzogen.
Meistens hörten sich die Ratschläge der Bekannten und Verwandten wie folgt an: „Du darfst das Kind nicht so verwöhnen. Das tanzt dir später mal auf der Nase herum!“ Oder: „Das ist ja eine richtige Affenliebe! Der soll doch mal ein Mann werden, und kein Mädchen.“ Und: „Der bekommt viel zu viel Aufmerksamkeit. Der wird nie selbstständig werden und dir ewig am Rockzipfel hängen. Der wird später ohne dich gar nicht mehr klarkommen.“ Meine Schwiegermutter schritt während eines Besuches bei uns sogar zur Tat und schloss mich abends, als mein damals acht Monate alter Sohn wiederholt seine abendlichen Schreiattacken hatte, in der Küche ein, damit ich nicht zu ihm gehen und ihn beruhigen konnte, denn sie meinte, er müsse lernen, sich allein zu beruhigen.
Einzig und allein meine Mutter stand mir bei ihren Besuchen bei, und fast spürte ich schon so was wie Neid, wenn ich sah, wie sehr sie ihren Enkel mit Zuwendung und Verständnis bedachte. Dies hätte ich mir in meiner Kindheit von ihr auch gewünscht.
Mein Mann fand es unerträglich, dass unser Sohn mit sechs Jahren nachts noch eine Windel brauchte. „Da kann doch mit dem Kind was nicht stimmen“, hieß es immer wieder. „Das sollte mal ein Arzt untersuchen.“ Der Arzt winkte ab: „Jedes Kind hat sein eigenes Tempo.“ Ich redete möglichst einfühlsam mit meinem Sohn über die Sache, und er dachte nach. Konstruktiv, wie immer, kam dann sein Vorschlag: „Weißt du, Mama, ich sag dir Bescheid, wenn ich keine Windel mehr brauche.“ Kurz vor seinem 7. Geburtstag war es dann so weit, denn eines Abends sagte er ganz unerwartet: „Mama, ich glaube, wir können die Windel jetzt weglassen.“ Ich vertraute seinem Gefühl jedoch nicht so recht und überredete ihn noch für einige Nächte auf Probe: Tatsächlich. Er war und blieb trocken.
Später ließ ich mich von meinem Mann scheiden, unter anderen auch deshalb, weil unsere Erziehungsgrundsätze immer unvereinbarer wurden. Denn da gab es oft Situationen, in denen er zu unserem Sohn sagte: „Als ich in deinem Alter war, da konnte ich schon …“ Oder wenn ihm das Kind ein selbst gemaltes Bild stolz präsentierte: „Na ja, da hättest du dir hier und da noch mehr Mühe geben können …“ Und als es später in der Schule mal eine 4 in Physik gab: „Was soll denn der Onkel W. von dir denken?!“ (Onkel W. war Kernphysiker.)
Es klang, als hätte mein Mann Freude daran, die Leistung des Kindes kleinzuhalten, und ich spürte die Tendenzen zu einer leistungsbezogenen Erziehung, zum Funktionieren nach den Vorstellungen anderer, zu einem Abhängigkeitsverhalten und auch zum Erniedrigen, und wie sich so was anfühlte, hatte ich in der Kindheit durch meinen Leistungssport zur Genüge erfahren. Mein Sohn beschwerte sich bei mir und meinte: „Ich will nicht, dass der Papa das immer sagt.“ Ich versuchte, ihm den Rücken zu stärken und erklärte ihm, dass nur er selbst das dem Papa sagen könne, damit der Papa vielleicht einsieht, dass sein Verhalten nicht gut sei. Das tat mein Sohn sogar eines Abends, doch sein Vater tat entrüstet, nahm es nicht ernst und wiegelte ab.

In der Schule war mein Sohn für viele Mitschüler der „Komische“ und freundete sich deshalb zunächst mit anderen Außenseitern an. Abgesehen von den Mitschülern waren es oft Lehrerinnen, die mit ihm nicht klar kamen und von denen ich mir beim Elterngespräch in der 6. Klasse anhören musste: „Der will mich vor der ganzen Klasse zum Gespött machen, wenn er seine Ausreden vorbringt.“ (Diese „Ausreden“ entsprachen der Wahrheit, nur waren sie offenbar so ehrlich, dass die Lehrerinnen es nicht glauben wollten.) Eine Lehrerin in der 7. Klasse verstieg sich sogar zu der Aussage: „Ich sehe in ihm das Potenzial für einen zukünftigen Amokläufer. Manchmal macht er mir richtig Angst.“ Ich hatte das Gefühl, wir sprachen jede von einem komplett anderen Kind, und ich brach das Elterngespräch an dieser Stelle ab.
Mein Sohn war Ende der 9. Klasse versetzungsgefährdet und auch schon immer ein ziemliches „Schusselchen“, denn er vergaß ständig Lehrmaterialien, den Sportbeutel und wohin in der Schultasche er seine abzugebenden Aufgabenzettel gepackt hatte – und ja, er war ziemlich faul und tat nur das Nötigste. Allerdings konnte er überaus fleißig sein und sich ungeheuer in Dinge vertiefen, die ihn sehr faszinierten. Meine Theorie war, dass er deshalb so schusselig war, weil er immer über irgendetwas eifrig nachdachte, was ihn gerade interessierte. Und das hatte nun mal meistens nichts mit dem Schulstoff zu tun.
Sein Klassen- und Lateinlehrer in der 5. Klasse sagte über ihn: „Cogito, ergo sum! Das ist Ihr Sohn. Er wird es vielleicht mal schwerer im Leben haben als andere und einige Umwege machen, bis er an seinem Ziel ist. Aber er ist der einzige in der Klasse, der so kreativ im Denken ist, dass er immer noch eine Idee oder einen Vorschlag hat, wenn keiner mehr was weiß. Er wird seinen Weg machen.“
Seltsamerweise waren es immer Lehrer, die mit ihm sehr gut zurande kamen. Sie schätzten sein Interesse und seine Nachfragen zum Lernstoff (was Lehrerinnen offenbar als Provokation empfanden) sowie seine starke intrinsische Motivation.
Als er in der 11. Klasse war und zwei Halbbrüder hatte, reflektierte er, dass sein Vater an ihnen genau dasselbe „verbocken“ würde, was er schon in seiner Kindheit nicht gut fand.
Und eines Abends kam mein Sohn mit seinem Notebook zu mir ins Wohnzimmer und sagte: „Hier, schau mal, Mama. Mit dem Mann würdest du dich bestimmt gut verstehen. Der sagt so was Ähnliches wie du darüber, wie man mit Kindern umgehen sollte.“ Es war ein Video von Gerald Hüther – meine erste „Begegnung“ mit ihm.

Seit der 10. Klasse hatte mein Sohn vor, nach dem Abitur Maschinenbau zu studieren, denn er hatte sich schon lange in den Kopf gesetzt, später mal fliegende Fahrräder und Autos mit Pedal-Antrieb zu erfinden, um das Verkehrsproblem zu lösen. Für Mathematik und Physik interessierte er sich erst seit der 8. Klasse (als er eine schwärmerische Zuneigung zur neuen Referendarin fasste, die diese Fächer unterrichtete). Während der 11. Klasse begleitete ihn dann der Wunsch, später nach Dänemark zu gehen, um dort zu leben und zu arbeiten. Er behauptete, dass dieser Wunsch dadurch geweckt wurde, dass wir in seiner Kindheit oft nach Dänemark gereist waren. Aus eigenem Antrieb und seinem Taschengeld kaufte er sich einen Onlinesprachkurs Dänisch und lernte monatelang konsequent jeden Abend 15 Minuten lang Vokabeln. Weiterhin schaute er YouTube-Videos auf Dänisch, las dänische Bücher, reiste im Sommer nach Dänemark und intensivierte den Kontakt zu einer dänischen Familie, die wir in einem Dänemark-Urlaub kennengelernt hatten. Seine Bewerbungen um ein Ökologisches und ein Soziales Jahr in Dänemark scheiterten: Die erste Bewerbung, weil der Umgang mit schwerverletzten und toten Watt-Vögeln ihm zu nahe gegangen wäre, und die zweite, weil man einen Fußballtrainer für eine Schulmannschaft suchte, wofür er nicht wirklich der passende Typ war.
Also entschloss er sich, zunächst in Deutschland zu studieren und zog dafür in seine Geburtsstadt Leipzig. Allerdings verfiel er kurz vor dem Abitur plötzlich auf die für mich nicht nachvollziehbare Idee, unbedingt Geografie studieren zu wollen. Ich diskutierte aber nicht lange mit ihm herum und versuchte nur kurz, ihn umzustimmen. Es war ja sein eigenes Leben, das er zu gestalten begann – nicht das meine. Nach acht Monaten Studium entschied er sich, mit Geografie aufzuhören, weil das Fach ihn nicht interessierte, und dann bewarb er sich an der HTWK in Leipzig um einen Studienplatz für Maschinenbau, den er im Nachrückverfahren auch bekam. (Während des Geografie-Studiums lernte er übrigens seine spätere Freundin kennen.)
Einige Monate vor seiner Bachelorprüfung machte er dann Ernst mit einer Bewerbung für die dänische Universität in Aalborg und bekam einen Master-Studienplatz für Maschinenbau. Inzwischen sprach er fließend Dänisch, was ihm einen gut bezahlten Studentenjob in einer großen Aalborger Firma einbrachte, wo er über ein Jahr tätig war. Ebenfalls ergaben sich dadurch engere soziale Kontakte, sowohl über Mitstudenten als auch seine Mitgliedschaft in einem Billardverein, mit dem er auf Turniere fuhr.

Inzwischen ist mein Sohn 25 Jahre alt und hat in Aalborg seinen Master als Maschinenbauingenieur abgeschlossen. Er will nun in Dänemark arbeiten und bewirbt sich derzeit bei einigen Industrieunternehmen.
Nein, er hängt nicht an meinem Rockzipfel, und er tanzte mir auch nie auf der Nase herum. Leider hat er sich dafür entschieden, recht weit weg von mir zu leben …
Ich denke aber: Lieber ist er weit weg von mir glücklich – als nah bei mir und unglücklich. Das würde mir ja auch nicht guttun.

Anm.d.Red.: Wir respektieren den Wunsch der Verfasserin nach Anonymität.

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Antworten

  1. Fasziniert habe ich die Werde-Geschichte des jungen Mannes mehrfach gelesen. Sie ist in der Tat sehr ungewöhnlich, so ungewöhnlich immerhin, dass etliche Menschen aus dem Umfeld des Kindes damit schwer umgehen konnten. Ich finde es großartig von der Mutter, dass sie gut gemeinten Belehrungen, Ratschlägen und sogar Anfeindungen standgehalten hat und ihrem eigenen inneren Wissen und auch dem des Kindes gefolgt ist. Die Geschichte macht mir Mut, eigenem Wissen treu zu bleiben, auch wenn es die gesellschaftlichen Erwartungen und Normen nicht erfüllt und auf Widerstände stößt.

    Das Titelbild mit dem kleinen Jungen am Steuerrad des großen Schiffes irritierte mich zunächst sehr. „Ein kleiner Junge kann unmöglich ein so großes Schiff steuern! Glatte Überforderung! Das Foto ist ja mit Sicherheit auch gestellt.“ waren meine Gedanken. Aber nach dem Lesen der Geschichte merke ich, dass ein Kind einen Kompass hat, mit dem es sein eigenes Lebensschiff in Verbindung mit fürsorglichen, umsichtigen, achtsamen, wertschätzenden und Raum gebenden Menschen durchaus zu steuern vermag.

  2. 🧡🙏🧡 vielen herzlichen Dank für dies so tiefgehende und wichtige Lebensgeschichte deines Sohnes. Sie berührt mich und zeigt einfach auf wie wichtig es ist Mensch sein zu dürfen. Akzeptiert sein so wie man ist und möchte. Seinen Weg gehen zu können⚘