Kurz ein paar Infos zu mir, damit es einen Kontext zur Geschichte gibt und somit ein hoffentlich rundes Bild zu meiner Erfahrung.

Ich heiße Meike, bin 31 Jahre alt und lebe mit meiner Familie in Süddeutschland, wo ich auch geboren und aufgewachsen bin. Meine Kindheit war behütet und mein Lebensweg sehr geradlinig (Schule, Ausbildung, Einstieg in Beruf, Gründung von Familie). Ich war selbst schon immer sehr gefühlvoll und habe mich dadurch von anderen oft nicht verstanden gefühlt – aber ansonsten hatte ich eben ein ganz „normales“ Leben (soweit man etwas als normal einstufen kann).

Wie schon andere hier in ihren Beiträgen berichteten, bringt es diese gefühlvolle Art wohl mit sich, dass man vieles wahrnimmt, hinterfragt und sich selbst eventuell als „anders“ oder „falsch auf dieser Welt“ sieht, wenn man keine Gleichgesinnten findet und sich somit irgendwann das Gefühl einstellt, seiner Wahrnehmung nicht trauen zu können (besonders als Kind/in der frühen Jugend).

Dass diese „Andersartigkeit“ von unserer Gesellschaft nicht wirklich getragen wird, weil uns diese andere Werte vermittelt (wie z.B. Glück durch Konsum und Karriere, Gefühle und Spüren unterdrücken etc.), hat uns Gerald Hüther (zum Glück) ja schon in vielen Büchern und Beiträgen erklärt.

Ich habe also schon immer eine gewisse Unstimmigkeit wahrgenommen und bin an vielen Umständen, die in der Welt nun mal so sind, wie sie sind, innerlich verzweifelt. Ich konnte aber nie wirklich benennen, was mich „stört“ oder wo der Kern dessen ist, was mich daran hindert, von innen heraus glücklich und zufrieden zu sein.

Und dann kam unser erstes Kind. Der kleine Mann war ein Wunschkind und auch hier waren rundum positive Rahmenbedingungen für ein gelungenes Elternsein gegeben (beide Elternteile da, Großeltern als Backup, berufliche Tätigkeit der Mama kann individuell eingeteilt werden etc.). Doch unser Kleiner zeigte uns, dass es nicht damit getan ist, ihn mit Liebe durchs Leben zu begleiten, ihm Zeit und Geduld zu schenken sowie liebevoll Grenzen zu setzen. Sondern er forderte stets „mehr“. Er weinte schon als Säugling sehr viel, suchte ständig Körperkontakt, ließ sich nicht ablegen, schlief schlecht und konnte sich nur schwer regulieren (z.B. schrie er beim Aufwachen nach dem Mittagsschlaf meist 1 Stunde). Sichtliche oder physische Gründe für all dies gab es nicht. Er war ein typisches „High-Need-Baby“ – für diejenigen, die den Begriff kennen.

Auch als Kleinkind stellte er uns täglich vor die Herausforderung vieler Wutanfälle und Gefühlsausbrüche (die für uns oft scheinbar grundlos erfolgten, beispielsweise weil wir ihm die „falschen“ Socken zum „falschen“ Zeitpunkt anzogen). Ich könnte an dieser Stelle viele Situationen umschreiben, aber kurz gesagt, brauchte er einfach in allem mehr Begleitung und Unterstützung als Gleichaltrige, um gewisse Situationen zu meistern. Wir hinterfragten dabei natürlich unser eigenes Handeln, unsere Erziehungsmethoden und Herangehensweisen und suchten Rat bei verschiedenen Fachleuten. Geholfen, ihn besser zu verstehen, hat uns der im deutschsprachigen Raum von Nora Imlau geprägte Begriff der „gefühlsstarken Kinder“. Dieses Wissen (für das wir sehr dankbar sind!), dass es Kinder mit einem besonderen Temperament gibt, hat uns den Alltag etwas erleichtert und uns im Umgang mit ihm gestärkt. Dennoch brachte es nicht die entscheidende Wendung, die uns verstehen ließ, woher seine Unruhe rührt.

Durch das Recherchieren und Stöbern im Netz bin ich dann auch auf Gerald Hüther gestoßen und wenn es meine Zeit irgendwie zuließ, hörte ich mir seine Vorträge, die ja zahlreich im Netz zu finden sind, an. Viele seiner Ansätze berührten mich, natürlich auch der Aspekt des Bewahrens der eigenen Würde. Doch der Schlüsselmoment ergab sich für mich mit der etwas einfacher zu verstehenden Erklärung der Wahrung der Würde: der liebevolle Umgang mit sich selbst (von Herzen DANKE an dieser Stelle an Gerald, dass du diese Erkenntnis mit uns teilst, und an alle Beteiligten von der wundervollen Initiative von liebevoll.jetzt!!). Mit dieser Sicht auf die Dinge hat sich für mich eine neue Welt aufgetan. Ich verstand plötzlich, was mich schon als Kind an der Welt „gestört“ hat, was mich im Allgemeinen oft verärgert, unzufrieden und irgendwie traurig gemacht hat.

Das wache Wesen unseres Kindes und sein Temperament empfinde ich im Nachhinein als Weckruf. Er hat uns aufmerksam darauf gemacht, der Sache auf den Grund zu gehen, hinzuschauen und zu begreifen, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Ich bin erstaunt, wie oft man im Leben die Kinder (unbewusst) bewertet und Erwartungen an sie stellt. Es ist nicht leicht, diese Bewertungs- und Erwartungshaltung von heute auf morgen abzulegen. Zu sehr ist man von der Gesellschaft geprägt und kommt immer wieder in die Situation, in der man automatisch handelt, (weil „es sich eben so gehört“) oder weil man es unbewusst anderen recht machen möchte (also man auch wiederum deren Erwartung erfüllen möchte). Aber man kann versuchen, diese Haltung abzulegen und den Kindern offener entgegenzutreten, und sie somit lehren, worauf es im Leben eigentlich ankommt: die Freude am Lernen und Entdecken, die die Kinder mitbringen, zu bewahren, offen durchs Leben zu gehen und der Welt und den Menschen liebevoll zu begegnen.

Nun hat sich unser (inzwischen) Großer natürlich in seinem Sein nicht verändert, nur weil ich die Dinge anders betrachte. (Übrigens hat seine kleine Schwester ein ganz anderes Wesen, sie hat nicht so mit sich selbst zu kämpfen).

Es kommt noch oft genug vor, dass er im wahrsten Sinne des Wortes aus der Reihe tanzt (ich mag diese Bezeichnung mittlerweile, weil es sein – mit positiven Worten belegt – temperamentvolles, lebhaftes, vor Energie sprudelndes Wesen beschreibt) und unser Alltag turbulent zugeht. Dabei gelingt es mir nicht immer, so liebevoll zu sein, wie ich es mir vornehme, und oft genug werde ich laut oder eine Situation scheint zerfahren. Er zeigt auch deutlich, dass er seine Grenzen sucht, und diese angemessen zu setzen, ist immer eine Gratwanderung.

Aber insgesamt ist der Weg ein anderer geworden.

Wir sind noch nie die großen Konsumenten gewesen, streben nicht nach umfangreichen Urlauben, sondern leben mehr im Hier und Jetzt. Wir achten schon immer weitestgehend, und wo es eben möglich ist, auf Regionalität, Bio und Nachhaltigkeit. Selbstverständlich sind wir auch freundlich zueinander und gehen respektvoll miteinander um. Daher ergab sich nach der Erkenntnis, etwas „liebevoller“ zu leben, kein wahnsinniger Wandel für uns. Weder in Bezug auf alltägliche Dinge noch im Umgang mit den Kindern oder unseren Mitmenschen. Aber es gab dennoch eine entscheidende Wende in unserer kleinen Welt. Wir betrachten vieles mit anderen Augen, unsere Partnerschaft hat an Bedeutung gewonnen, vieles geht leichter und einfach glücklicher von der Hand.

Ab und zu innehalten, der Schnecke für einen kleinen Moment beim Überqueren des Weges zusehen, die Natur schätzen, das Leben mit mehr Leichtigkeit und Lebendigkeit leben. Das Glück zulassen anstatt, geprägt von Oberflächlichkeiten, durchs Leben zu hetzen.

Kinder lernen eben vor allem, indem sie sich das, was sie lernen und wissen wollen, bei uns Erwachsenen abschauen. Indem wir liebevoll zu uns und mit dem Partner sind sowie selbstverständlich zu den Kindern selbst einen liebevollen Umgang pflegen, legen wir ein großes Fundament für die Zukunft. Wenn unsere Kinder diese Haltung und Werte verinnerlichen, übernehmen und in die Welt tragen, kann es doch eigentlich nur eine liebe-, würde- und wundervolle Welt geben 🙂

2 thoughts on “Auf dem liebevollen Weg dank unserer Kinder

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