In einer Meditation vor vielen Jahren kam ein großer weißer Vogel und bot mir
an, auf seinem Rücken Platz zu nehmen. Er flog mit mir geradewegs in den Himmel und
immer weiter, bis zu einem großen Kristallschloss. Dieses Schloss war bis unter die Decke
und bis in den letzten Winkel vollgestopft mit Geschenken. Ich erhielt den „Auftrag“, diese
Geschenke auf der Erde zu verteilen. Prompt kamen in mir die „Ja-Aber“: Ich weiß ja nicht,
welches Geschenk wer bekommen soll, und es sind zu viele, das kann ich niemals schaffen.
Und zuletzt: Ich habe gar keinen Schlüssel. Nun ja, so schnell wie meine Einwände da waren,
kamen auch die Antworten: Die Geschenke verteilen sich von selbst, überall dort, wo du mit
Menschen zusammen bist. Es ist also für dich kein Aufwand, mit dem du dich beschäftigen
musst, es geschieht quasi von selbst. Und den Schlüssel legen wir in dein Herz. Schwupp, da
war er und der weiße Vogel nahm mich zurück zur Erde.

Mittlerweile glaube ich, dass jeder Mensch mit so einem Geschenke-Schloss auf die Welt
kommt. Wir könnten alle in Fülle leben, aber viele haben die Verbindung verloren. Doch der
Himmel ist nur in unserer Vorstellung von uns getrennt. Man hat uns gesagt, wir müssten
etwas tun oder irgendwie sein, damit wir in den Himmel kommen. Wir müssten kämpfen
und brav sein und wären so, wie wir sind, nicht richtig. Und so rennen wir und machen und
tun, um endlich mal anzukommen, dabei ist doch alles schon da! Der Himmel war schon
immer da! Der Himmel hat schon immer das Leben auf der Erde beschützt. Wir können auf
der Erde leben und gleichzeitig mit dem Himmel in Verbindung sein. Wir sind nicht getrennt,
wir müssen nicht im Dunkeln leben und auf das Licht warten und erst recht nicht etwas dafür
tun. Wir können uns entspannen und ankommen, wo wir schon sind. Das Kämpfen und
Rennen kann aufhören. Und dann? Einfach sein und uns gegenseitig beschenken? JA!

Was ist ein Geschenk?
Wie funktioniert schenken und beschenkt werden und welche Hindernisse oder
Vorstellungen verhindern echtes Schenken?

Wikipedia sagt dazu: „Ein Geschenk (von (ein)schenken, also dem Bewirten eines Gastes) ist
die freiwillige Eigentumsübertragung einer Sache oder eines Rechts an den Beschenkten
ohne Gegenleistung – also unmittelbar zunächst kostenlos für den Empfänger. Im
übertragenen Sinne kann man auch jemandem seine Aufmerksamkeit, sein Vertrauen oder
seine Liebe schenken.
Schenken kann ein Ausdruck altruistischen Handelns sein. In diesem Fall will der Schenkende dem Beschenkten uneigennützig eine Freude bereiten. Schenken kann aber auch einen gewissen sozialen Druck auf den Beschenkten ausüben, dem Schenkenden seinerseits für eine Gegenleistung („Bestechung“) verpflichtet zu sein. Angenommene Geschenke verpflichten, denn sie sind vom Schenkenden immer mit einer Erwartung an den Beschenkten verbunden; sie sind also – soziologisch betrachtet – eine soziale Sanktion, die eine soziale Antwort verlangt, etwa eine Dankesgeste, eine Gegengabe, eine freundlichere Einstellung zum Schenkenden oder das Einstellen feindseliger Handlungen.“

Ist jetzt ein Geschenk bedingungslos, ohne Gegenleistung oder ist es eher ein Handel: Gebe
ich dir, hast du auch mir zu geben? Gibt es bewusste oder unbewusste Erwartungen? Und
wie kann ich den Unterschied feststellen? Woher weiß ich, dass keine Gegenleistung
erwartet wird? Und wie ist das mit dem Verschenken von Aufmerksamkeit, Vertrauen und
Liebe?

Aus meiner Sicht ist ein Geschenk bedingungslos und ohne Erwartung einer Gegenleistung.
Sonst würde ich es nicht Geschenk nennen, sondern Handel. Trotzdem haben wir oft
Erwartungen oder treten in Vorleistung, um etwas zu bekommen. Viele Partnerschaften
funktionieren so, auf sehr subtile Weise. Als Kind dachte ich, ich müsste etwas tun,
Leistung erbringen, brav sein, still sitzen usw., um Anerkennung und Liebe zu bekommen.
Das Belohnungs- und Leistungsprinzip hat dieses Missverständnis hervorgebracht und viele Erwachsene verhalten sich immer noch so. Können wir denn Anerkennung, Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Vertrauen oder Liebe wirklich auf diese Weise bekommen oder sogar einfordern?

Ich glaube, es gibt Werte, die kann man nur geschenkt bekommen, weil sie sonst ihren Wert
verlieren. Und wie wir alle wissen, kann man Liebe teilen, aber für noch so viel Gold und
Geld nicht kaufen. Was wir dann kaufen, ist nicht Liebe. Vielleicht schmeckt es so ähnlich,
aber es macht nicht satt.

Wie können wir Liebe teilen, wenn wir sie selber nicht haben oder sie mal nicht bekommen
haben? Ich glaube, hier liegt ein großer Irrtum unserer Kultur. Wir haben sie und hatten sie
immer. Viele haben nur die Verbindung verloren und finden oft den Weg nicht zurück. So viel
Angst und Leid ist mir begegnet, als ich auf dieser Welt ankam. Und immer noch Angst und
Schrecken um mich herum. Da ist es schon eine sehr große Herausforderung, bei sich und der
Liebe zu bleiben. Ja, es wäre schön gewesen, in purer Liebe und Achtsamkeit heranzuwachsen,
aber so war es nicht. Ich habe mich verloren, und ich konnte mich wiederfinden.

Birgit Mies

One thought on “Das Kristallschloss und die Liebe

  1. Hallo Birgit,

    das ist eine sehr insirietende Erfahrung die du da teilst, danke dafür dass da das so stark machst indem du sagst die Liebe ist immer da wir müssen, nein besser, wir brauchen nur den Zugang neu zu finden…. Danke für dieses schöne Bild das nehm ich mir gerne mit….

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