Es war einmal ein kleines Mädchen, das war schon so lange unterwegs, so weit gegangen auf der Suche nach … ja, wonach suchte es eigentlich? Unvermittelt hielt es inne, blieb stehen und blickte sich um. Alles war eigentlich wie immer, es war nicht besonders hell, aber das Mädchen spürte die Menschen, die um es herum waren. Freundliche Stimmen sagten zu ihr: „Geh weiter, geh ins Licht!“ 

Und so ging es weiter, es fühlte sich sicher und geborgen, obwohl es immer dunkler wurde und es irgendwann gar nichts mehr sehen konnte. Es ging an vielen, vielen Menschen vorbei, es konnte sie nicht sehen, aber es fühlte ihre Nähe links und rechts neben sich. 

Dann kam es in einen großen runden Raum mit einem winzigen Lichtstrahl, der von oben nur einen kleinen Bereich in der Mitte beleuchtete. Oh, ich bin in einer Höhle in einem Berg, dachte das Mädchen und setzte sich in die Mitte. Das kleine Mädchen genoss dieses wenige Licht und fühlte sich sehr geborgen mit den Menschen, die sie bei den Wänden des Raumes wahrnehmen konnte. Sie blieben im Dunkeln, aber das Mädchen spürte, wie sehr sie ihm das Licht gönnten. Es erinnerte sich daran, dass das wohl nicht immer so war, und mit einer leisen Traurigkeit darüber schlief es ein. 

Als es wach wurde, befand es sich in der Mitte eines riesigen Wassers. Es gab nichts als Wasser um es herum und den Himmel über ihm. Wow, dachte es sich, so viel Himmel, so viel Licht und Raum um mich herum! Es fühlte sich sehr lebendig an und gleichzeitig beschützt. So beschützt wie in der Höhle, nur so viel größer. 

Und plötzlich wurde ihm klar, dass der Himmel schon immer da war! Er war niemals weg gewesen, nur es hatte so lange im Dunkeln gelebt. Und in der Erinnerung hatte es sich auch manchmal vor dem Himmel gefürchtet. So, als hätte es nicht genug Raum gehabt, um zu wachsen. So weit und groß wie jetzt hatte es den Himmel noch nie zuvor wahrgenommen. Alles war immer klein und eng und irgendwie bedrückend. Jetzt gab es Licht und Raum zum Wachsen und gleichzeitig fühlte es sich beschützt und sicher! Mit einem Gefühl von Glückseligkeit und Loslassen legte sich das Mädchen mit dem Rücken auf das Wasser und ließ sich treiben. 

Nach einer Weile konnte es das Ufer erkennen, schöne, saftige, grüne Wiesen und einen Baum. Als es näher kommt, bemerkt es einen Schwan, der dort steht und zu ihm hinüberschaut. Es fragt den Schwan: „Wieso bist du ganz alleine hier, ich dachte, Schwäne wären immer zu zweit?“ Darauf antwortet der Schwan: „Ich habe auf dich gewartet!“ „Auf mich?“, fragt das Mädchen sichtlich irritiert. Aber der Schwan scheint sich sicher zu sein und nickt ihm freundlich zu. 

Das Mädchen schaut an sich herab und bemerkt mit größtem Erstaunen, dass es selbst zu einem Schwan geworden war! Etwas unbeholfen stapft es aus dem Wasser heraus und begrüßt den anderen Schwan freundlich. Wow, ist das aufregend, sie sind vollkommen gleich! Welch eine Freude! Wortlos legen sie sich dicht nebeneinander unter den Baum, stecken ihre Köpfe ins Gefieder und schlafen ruhig und zufrieden ein. 

Am nächsten Morgen war das kleine Mädchen sehr aufgeregt! Ihr war klar geworden, welche Möglichkeiten es jetzt hatte. Es könnte fliegen und es wollte fliegen! Gleichzeitig fühlte es sich gut an, der Erde und dem Wasser so nah zu sein. Vielleicht ist es das, wonach ich so lange gesucht habe? Den Himmel, diesen ganzen weiten Raum erobern zu können und gleichzeitig mit der Erde verbunden zu sein – sich nicht mehr entscheiden zu müssen, sondern einfach beides haben zu können. Langsam, aber sehr kraftvoll, breitet es seine Flügel aus. Es fühlt sich an, als könnte es die ganze Welt umarmen, dann schwingt es sich empor in die unendliche Weite des Himmels. 

Birgit Mies

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