Die menschliche Gemeinschaft konnte sich herausbilden, weil sich jedes einzelne Mitglied mit seinem individuellen Können und Wissen einbringen konnte und alle Mitglieder durch ein emotionales Band von Vertrautheit und Respekt miteinander verbunden waren.

Oft werden menschliche Gemeinschaften mit den Vergesellschaftungsformen verglichen, die auch im Tierreich anzutreffen sind, mit den Schwärmen beispielsweise, die Heuschrecken, Fische, Vögel bilden, oder mit den Rudeln und Herden, in denen Wölfe oder Büffel umherziehen, und besonders gern mit sozial organisierten Staaten von Bienen, Ameisen oder Nacktmullen. Aus diesen Vergleichen lassen sich dann scheinbar biologische Begründungen dafür ableiten, weshalb es so etwas wie „Schwarmintelligenz“, Leithammel und Königinnen in menschlichen Gesellschaften geben muss und weshalb auch Gesellschaften untergehen, wenn sie ihre Schwarmintelligenz einbüßen, das Leittier versagt oder die Königin stirbt.

Auf den ersten Blick sind das einleuchtende Übertragungen, aber sie treffen nicht den Kern dessen, was eine menschliche Gemeinschaft ausmacht. Deren Ursprünge lassen sich erst dort finden, wo Formen des Zusammenlebens entstanden sind, in die sich jedes einzelne Mitglied mit seinem individuellen Können und Wissen einbringen konnte und in denen alle Mitglieder durch ein emotionales Band von Vertrautheit und Respekt miteinander verbunden waren.

Die Fähigkeit, solche „individualisierten Gemeinschaften“ herauszubilden, ist das Herausstellungsmerkmal der Primaten.

Wir Menschen haben sie im Lauf unserer Entwicklungsgeschichte über Jahrtausende und entsprechend viele Generationen hinweg immer weiter zur Entfaltung gebracht. Dafür brauchten wir ein zeitlebens lernfähiges Gehirn, und für dessen Herausbildung und Entfaltung bot diese Form des Zusammenlebens in individualisierten Gemeinschaften die günstigsten Voraussetzungen:

Auf jede und jeden kommt es an, aber weiter geht es nur gemeinsam.

Wenn ein Mitglied einer solchen Gemeinschaft etwas Neues, für alle anderen ebenfalls Brauchbares entdeckte, breitete sich diese Innovation in kurzer Zeit unter allen anderen Mitgliedern aus. Anschließend wurde sie auch an die jeweiligen Nachkommen weitergegeben. So verbreitete sich eine neue Kulturleistung nach der anderen. Hervorgebracht wurde sie jeweils von Einzelnen, aber umgesetzt, genutzt und überliefert wurde sie von allen Mitgliedern der betreffenden Gemeinschaft. Ohne diese besondere Fähigkeit zur horizontalen und vertikalen Weitergabe von Kulturleistungen säßen wir heute noch alle auf den Bäumen.

Freilich kann in einer solchen individualisierten Gemeinschaft ein Einzelner auch auf die Idee kommen, andere Mitglieder für seine Zwecke zu benutzen, sie also wie Objekte zur Verwirklichung seiner persönlichen Absichten und Ziele zu behandeln. Solange solche Einzelnen damit Erfolg haben, beginnen auch andere, diese Vorgehensweise gezielt einzusetzen. So kann sich auch diese „Kulturleistung“ bisweilen in der gesamten Gemeinschaft als fortschreitende Lieblosigkeit ausbreiten. Sie wird dann auch von den Kindern und Jugendlichen übernommen und führt dazu, dass auch sie lernen, ebenso lieblos mit anderen umzugehen und – um möglichst erfolgreich zu sein – auch zunehmend liebloser zu sich selbst zu sein.

In den Gehirnen sowohl der Verursacher wie auch der Opfer der sich auf diese Weise in der betreffenden Gesellschaft ausbreitenden Lieblosigkeit kommt es dadurch zu einer dauerhaft fortbestehenden Inkohärenz. In diesem Zustand, in dem die Nervenzellen nicht mehr koordiniert zusammenarbeiten und die bis dahin bestehende Ordnung von ungeordneten Entladungen bestimmt wird, verbraucht das Gehirn sehr viel Energie, ähnlich wie eine Gesellschaft, in der die Menschen hektisch umherrennen und es nichts mehr gibt, was sie als Gemeinschaft zusammenhält. Dann sind ständig zunehmende und auch immer schärfer zutage tretende Interessenkonflikte unvermeidbar und bestimmen den Alltag der Menschen und das Geschehen in Politik und Wirtschaft in der betreffenden Gesellschaft.

Aber in einer solchen, von Erfolgsstreben, Wettbewerb und Leistungsdruck bestimmten Gemeinschaft ist es dennoch jederzeit möglich, dass ein Einzelner oder eine Einzelne auf die Idee kommt, ganz persönlich etwas liebevoller mit sich selbst umzugehen. Zwangsläufig werden dann auch andere ausprobieren und bemerken, dass ihnen das gut tut, dass sie sich wieder stärker mit sich selbst verbunden fühlen, sich auch wieder als gestaltende Subjekte erleben, dass sie würdevoller und authentischer auftreten, glücklicher sind und seltener krank werden. Dann kann es sehr leicht geschehen, dass sich diese Art des Umgangs mit sich selbst und mit anderen als eine innovative „Kulturleistung“ in der gesamten Gemeinschaft ausbreitet.

Gerald Hüther

2 thoughts on “Wie die menschliche Gemeinschaft überleben kann

  1. Solange bin ich noch nicht Mitglied bei liebevoll.jetzt und noch unerfahren wo ich mein Anliegen richtigerweise positionieren sollte, deshalb bitte ich um Verständnis, falls dies die „falsche“ Stelle sein sollte. Für Hinweise, wo ich die „richtige“ finden kann bin ich dankbar.
    Dies (was Gerald Hüther schrieb) ist für mich die wichtigste Aussage, die ich beim Durchstöbern dieser Website im angemeldeten Zustand habe finden können, der ich mich von Herzen anschließe und glaube die Veränderung sollte genau hier und gebotenerweise jetzt beginnen.
    Mein Anliegen möchte ich kurz, wie ich es bereits in einem freundlichen Austausch mit Brigitte Hieronimus kundtun durfte, zitieren:

    „ Für mich ist die rein konsumwirtschaftliche Ausrichtung nicht mehr tragfähig, auch hinsichtlich der damit verbundenen Ressourcenausbeutung und anderer Folgen. Nach meinem Dafürhalten ist ein Wandel hin zu einem nachhaltigen Umgang mit der Natur unabdingbar. Die Notwendigkeit hierfür haben sicherlich viele Menschen bereits erkannt und verstanden. Den Weg des Wandels möchte ich gemeinsam derart gestalten, dass so viele Menschen wie möglich sich dabei eingeladen, gesehen, gehört und inspiriert wissen.“

    Es würde mich begeistern hier Menschen zu finden, die ähnlich denken und ebenfalls Lust darauf haben, die „Gesellschaft der Zukunft“ mit ihren Ideen, Begabungen, Fähigkeiten, gemeinsam zu durchdenken, einen für alle möglichen Weg zu finden und zu gestalten.
    George

    1. Vielen Dank lieber George,

      da gibt es sicher verschiedene Möglichkeiten sich diesem Thema auf Liebevoll.jetzt zu widmen. Auch wir sind ja hier noch in Aufbau und Entwicklung. Deshalb haben wir für die Ideen der Mitglieder diese Gruppe gegründet: “Eure Ideen für liebevoll.jetzt”. Vielleicht könnte man ein Forum dazu gründen oder es auch irgendwann in einem Expertengespräch behandeln. Das Forum wird bald neu strukturiert, dann könntest du dich einfach noch mal an uns wenden, gerne an kontakt@liebevoll.jetzt.

      Bis dahin alles Liebe und eine schöne Zeit, Birgit

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