Ein Brief an meinen Sohn

Mein elfjähriger Sohn Johan ist mein siebtes Kind. Seine Geschwister sind ohne Probleme durch das System Schule gegangen (Waldorf und Gymnasium) und drei von ihnen sind heute selber Lehrer. Johan hat eine sehr hohe Begabung, aufgrund derer er in den ersten vier Schuljahren mithalten konnte, ohne dass seine sehr schwere Legasthenie und Dyskalkulie erkannt wurden. Erst auf dem Gymnasium wurde beides deutlich. Zudem hat Johan noch ADHS – eine Diagnose und eine Bezeichnung, mit der ich große Probleme habe. Medikamente lehnt er wie wir auch ab. Sein Selbstwertgefühl leidet unter dem immensen Schuldruck und wir kämpfen seit zwei Jahren um eine Berücksichtigung seiner individuellen Möglichkeiten, sich schulisch zu zeigen. Seine Begeisterungsfähigkeit wird zunehmend gedämpft und er trägt seinen Kummer natürlich in die Familie. Hier dürfen wir uns jeden Tag in Liebe und Gleichmut üben, vor allem, wenn Johan aus tiefer Kränkung heraus impulsiv und aggressiv agiert. Wie gerne hätten wir für ihn eine Schule, die nach den Gedanken von Gerald Hüther sein wunderbares Wesen und seine Potenziale erkennt, anstatt ihn in die Schublade der Systemsprenger zu stecken.

Ich habe an Johan einen Brief geschrieben: 

Mein geliebter Sohn,

danke, dass es dich gibt. Du bist ein Geschenk für mich und der größte Lehrer. Du lehrst mich, meine innersten unheilsamen Muster anzuschauen. Meine Ängste und meine Schuld, die tief in mir eingekerbt sind. Die Welt nennt dich hyperaktiv, hochbegabt und emotional schwierig. Ich sehe dein Bestreben nach Autonomie und wenn ich dir wenig zutraue, verletzt es dich zutiefst. Genau das ist es, was mir aufzeigt, wo meine Begrenzungen sind, dir bedingungslos zu vertrauen und meine Ängste anzuschauen. Wie könnte ich dir meine Liebe stärker ausdrücken, als dich mit diesem Schmerz zu sehen und mich gleichzeitig mit meinen Ängsten zu transformieren.

Du bist großartig mit allem, wie du bist. Wenn wir das nicht wahrnehmen können und wollen, wenn wir dich zum Objekt unserer Vorstellungen machen und deine Entfaltung hemmen, dann fällst du ineinander. Für deinen Schmerz fehlen dir die Worte. Dein Aufbegehren bezeichnen wir als Aggression und bewerten es als unhaltbar. Unhaltbar ist aber, wenn wir die Verbindung zwischen unseren Herzen verlieren und nicht verstehen, was dich so wütend, ohnmächtig und hilflos macht. Alles geht nur mit Liebe und Vertrauen. Liebe braucht diese Weisheit, um zu verstehen.

Mein Sohn. Ich liebe dich und du lehrst mich, bewusst meine Verletzungen anzuschauen, damit ich authentisch mit dir in Kontakt sein kann.

Ich lerne jeden Tag von dir. Ich lerne mich zu fühlen, dich zu verstehen und eine Sprache zu finden, in der Begegnung anstatt Entfremdung stattfinden kann. Ich danke dir, für all deine Kraft und Stärke, mit der du dein Überleben sicherst … Auch wenn es hölleanstrengend ist, hinterlässt es eine Lektion für mich und ermöglicht Entwicklung. Ich danke dir für deine Liebe und Ehrlichkeit. Und dass du mir meine ungeschickten Worte und Handlungen tief im Herzen verzeihst.

Zum letzten Schritt der Heilung braucht es nur noch, dass auch ich mir verzeihe, dafür, dass ich mich hab oft treffen und mitziehen lassen von deinen gewaltigen Emotionen, anstatt sie mitfühlend zu begleiten. Dafür, dass ich mich auf das Gewinner-Verlierer-Spiel des Öfteren eingelassen und meinen inneren Kompass verloren habe. Es handelt sich nicht um die Herausforderung, mit deinem Verhalten klarzukommen, es handelt sich eigentlich um etwas ganz Leichtes, nämlich die Essenz dessen, was wirklich wichtig ist, zuzulassen und fließen zu lassen. Dann entsteht der Raum ganz von selbst, in dem wir echt und frei … und damit glücklich sind. Ich habe die Verantwortung für die Qualität unserer Beziehung und auch wenn du mir noch so schwere Prüfungen stellst, ich werde sie bestehen.

Mit Liebe und Liebe und Liebe

Deine Mama
Anja Bui

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Antworten

  1. Bin in meinem Leben Menschen mit ADHS begegnet. Jeder von ihnen war eine außergewöhnliche Persönlichkeit mit so viel Energie und Intelligenz. Zu viele lassen sich leider letztendlich mit Pillen abspeisen, weil sie keine liebe Mama haben, bei der sie hätten halt finden können. Und das ist verdammt traurig.
    Um so wichtiger ist es, dass wir uns nicht gegenseitig fertig machen und z.B. als Freunde umeinander kümmern.
    Meine Nichte wurde als Kind mit ADHS diagnostiziert. Damals ist mein Vater dann mit ihr in die Natur gegangen, hat sich um seine Enkelin gekümmert. Auch wenn er nicht der beste Menschenkenner ist.
    Heute hat jeder vergessen, dass sie angeblich mal ADHS hatte. (Damit will ich Leuten aber nicht absprechen, dass sie unter ADHS leiden!)

    Ich wünsche euch jedenfalls alles Gute! 🙂

  2. Herzlichen Dank für das Teilen dieses wundervollen Textes. Mein Herz geht auf. Als Bruder eines Menschen mit Legasthenie. Als Kind mit einer herausfordernden Kinfheit. Als Kind, das seinen Platz suchte und die 1. Klasse wiederholen müsste. Als Kind einer Mutter, die selbst so schwerzutragen hatte, dass sie uns nicht besser schützen könnte. Vieles kam erst vor kurzem ins Licht. Der Text lässt die Liebe des Moments wieder strahlen.

    Ich wünsche Euch von Herzen Verbindung, das Ihr zu Euren Herzenswünschen findet. Nochmals herzlichen Dank.